Eine zweite Chance

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Wenn man aus der Zukunft kommend, in der Vergangenheit strandet, braucht man ja auch etwas Kleingeld um seine Ziele zu verwirklichen. Jens Böttger hat recht schnell Anschluss gefunden und versucht jetzt, mit seinem jungen Freund Arthur, auf der Trabrennbahn Mariendorf mit einer Wette, deren Ausgang er bereits anhand einiger Zeitungsausschnitte aus seinem Tablet kennt, zu ein bisschen Geld zu kommen. Ich selbst war das letzte Mal vor vielleicht 30 Jahren bei einem Trabrennen. Um das also so realistisch wie möglich zu gestalten, musste ich also ganz schön recherchieren. Ich denke aber, dass mir die Szene ganz gut gelungen ist.

Leseprobe:

Die Fahrer lenkten gerade ihre Pferde, auf ihren Sulkys sitzend, in ihre Startpositionen. Es war ein fliegender Start, bei dem aus dem Anfahren und positionieren heraus, gestartet wurde. Um Chancengleichheit zu gewährleisten, würden die etwas schnelleren oder stärkeren Pferde von einigen Metern weiter hinten beginnen müssen. Deswegen sah die Startaufstellung im ersten Moment etwas chaotisch aus. Das Rennen begann offiziell, als über die Lautsprecher das Kommando »Fahrer los!«, kam. Die Distanz, das stand auf der großen Anzeigetafel in der Mitte des Rundes gegenüber der Tribüne, ging über 1609 Meter, also eine Meile. Das Kommando erfolgte somit erst, als die Pferde bereits beinahe die Mitte der rechten Kurve erreicht hatten. Das Ziel lag natürlich vor der ersten Tribüne, um möglichst vielen Zuschauern einen guten Blick auf möglicherweise packende Endspurts gewähren zu können. Das ganze Geläuf hatte insgesamt eine Länge von 2500 Metern. Viele Gäste, vor allem auf den Tribünen, hatten Ferngläser, mit denen sie das Rennen verfolgten. Aber eigentlich gab es da nicht viel zu sehen. Interessanter war da schon der Kommentar aus den Lautsprechern, die überall an langen Masten aufgehängt waren.

Vom Start weg waren die drei Favoriten in Führung gegangen, gefolgt von einem weiteren Traber. Erst dann kam, bereits mit Abstand, Chronos. Und auch wenn Jens sicher war, dass alles so eintreffen würde, wie es musste, fieberte er doch die ganze Zeit über mit. Das Rennen würde etwas unter zwei Minuten gehen und Chronos verlor immer mehr den Anschluss.

Arthur sah erst Jens immer noch zweifelnd an und dann zur Anzeigetafel, wo die Quoten standen, die Chronos bringen würde. Da stand tatsächlich 18 : 1. Soweit so gut.

Die erste Minute war herum und die Pferde kamen langsam in die Kurve, die zur Zielgraden führte. Immer noch die gleiche Reihenfolge wie kurz nach dem Start. In der Mitte der Kurve scherte der aktuell zweitplatzierte plötzlich aus und wollte über außen den führenden angreifen. In der Kurve, eine völlig schwachsinnige Idee, wie einer der umstehenden meinte. Wie sich herausstellte, hatte er damit völlig recht, denn der Fahrer, hatte ein Einsehen, gab seinen Versuch plötzlich auf, scherte vollends aus und nahm die Geschwindigkeit zurück.

»Der ist aus dem Rennen«, sagte Arthur. Ein kollektiver Aufschrei auf der Tribüne, als wenige Sekunden später, auch der drittplatzierte sich selbst aus dem Rennen nahm. Damit war Chronos jetzt Zweiter, als es auf die Zielgerade ging. Allerdings mit erheblichem Rückstand. Kurz bevor der Führende die Ziellinie überschritt, hörte man wieder einige Leute brüllen, aber weder Arthur noch Jens konnten den Grund dafür erkennen. Chronos ging als zweiter durch das Ziel. Trotzdem hielt Jens seinen Wettschein eisern fest.

Es vergingen endlose zwei Minuten bis aus den Lautsprechern ein dreifacher Glockenklang ertönte.

»Das Kampfgericht stellt fest: Der Erstplatzierte, Plutarch mit dem Fahrer Heinz Ellemann, wird wegen Trittfehlers auf der Zielgeraden disqualifiziert, Disqualifikation rot, Sieger ist damit, mit einer Weile, Chronos mit dem Fahrer Friedrich Müller, danke für ihre Aufmerksamkeit.«

Und dann noch einmal der dreifache Glockenklang.

»Trittfehler, dat ick nich lache. Sauber jetrabt isser. Det schwör ick«, hörten sie von neben sich jemanden murren.

Arthur und Jens sahen sich grinsend an.

Auf der Tribüne fluchten viele und zerrissen ihre Wettscheine. Nur ganz wenige freuten sich. Die Zahl derjenigen, die zu den Schaltern liefen, hielt sich deshalb in sehr engen Grenzen. Jens kam sofort dran und reichte den Wettschein durch den schmalen Schlitz im Fenster, vor dem Angestellten der Rennbahn. Der ältere Mann mit Nickelbrille und schütterem Haar zählte, völlig ungerührt, 540 Reichsmark in 10 und 20 Markscheinen ab, steckte den Geldstapel in einen kleinen Leinenbeutel und legte diesen in ein Fach neben dem Fenster. Als er auf seiner Seite das Fach schloss, öffnete es sich gleichzeitig auf der Seite von Jens, so dass er den Beutel entnehmen konnte.

 

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AndreasKohn-Autor

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